Zwischen Wirklichkeit und Bildvorstellung

Wenn die Kamera nicht ausreicht

Fotografie hat für mich zunächst etwas sehr Konkretes. Vor der Kamera befindet sich ein Motiv. Licht fällt darauf, die Kamera zeichnet es auf und daraus entsteht ein Bild. Das klingt selbstverständlich. Trotzdem unterscheidet sich das fotografierte Motiv oft von dem Bild in meiner Vorstellung. Manchmal ist es nur eine Frage des richtigen Moments. Das Licht stimmt nicht, der Himmel wirkt langweilig oder die gewünschte Wetterstimmung entsteht nicht. Man kann warten, wiederkommen und es erneut versuchen. Manchmal funktioniert das.

In anderen Fällen sind die Grenzen grundsätzlicher. Ein Ort ist zu weit entfernt oder kaum zugänglich. Eine Landschaft lässt sich nicht nach den eigenen Vorstellungen verändern. Ein bestimmtes Licht erfordert erheblichen technischen Aufwand. Für manche Bilder müsste man eine komplette Szenerie aufbauen, mehrere Personen einsetzen oder unbezahlbare Ausrüstung nutzen. Hinzu kommen körperliche und finanzielle Grenzen. Nicht jeder trägt eine schwere Fotoausrüstung über viele Kilometer. Nicht jeder erreicht schwer zugängliche Orte oder reist für ein einziges Bild um die Welt. Ein aufwendiges Studio steht den meisten Fotografen ebenfalls nicht zur Verfügung. Das bedeutet aber nicht, dass die Bildidee verschwinden muss.

Genau an diesem Punkt werden die Möglichkeiten der KI interessant. Es geht mir nicht darum, die Kamera durch KI zu ersetzen. Mich interessiert vielmehr, was aus einem eigenen Foto entsteht, wenn es nicht mehr das fertige Ergebnis sein muss. Ein Foto wird zum Ausgangspunkt für eine weitere Vorstellung.

Ein eigenes Foto als Ausgangspunkt

Das lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen. Das folgende Bild ist eine reale Aufnahme. Der Baum, das Wasser, die Landschaft und die Lichtstimmung existierten zum Zeitpunkt der Aufnahme tatsächlich so.

Ursprungsbild Baum am See
Ursprungsbild Baum am See

Für mich war dieses Foto zunächst ein ganz normales Landschaftsfoto. Später kam eine andere Frage hinzu: Was könnte aus dieser Aufnahme werden?
Was verändert die Landschaft, wenn hinter dem Baum plötzlich eine Bergkette auftaucht?
Wie wirkt dieselbe Szene bei einem Gewitter?
Wie verändert starker Regen das Bild?
Und wie wirkt der Baum im Winter, bei Schnee und Mondlicht?

Diese Fragen beantwortet die Kamera nicht mehr allein.

 

Aus einer Aufnahme werden verschiedene Vorstellungen.

 

Ist das noch Fotografie?

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob solche Bilder noch etwas mit Fotografie zu tun haben. Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Bei einem dokumentarischen Foto ist die Sache klar: Wer einen tatsächlichen Ort oder ein reales Ereignis zeigt, sollte die Wirklichkeit nicht nachträglich verändern oder Dinge hinzufügen.
Bei einem künstlerischen Bild sehe ich das anders. Fotografen veränderten ihre Bilder schon lange vor der digitalen Fotografie. Sie retuschierten Negative, kombinierten Aufnahmen und entfernten Bildteile. In der Dunkelkammer beeinflusste der Fotograf das Aussehen eines Bildes erheblich. Mit Photoshop wurden diese Möglichkeiten noch größer. KI ist kein Bruch mit dieser Entwicklung, sondern eine weitere Ausweitung der Möglichkeiten. Allerdings verändert sich der Charakter des Bildes bei tiefen Eingriffen.
In der Malerei hinterfragt Vorgehensweisen dieser Art kaum jemand. Ein Maler sitzt vor einer Landschaft, zeichnet eine Skizze und entwickelt das fertige Bild oft erst im Atelier. Er verändert das Licht, lässt störende Elemente weg oder ergänzt Berge im Hintergrund. Das Bild zeigt dann nicht die exakte Natur, sondern die Interpretation des Künstlers. Bei einer fotografischen Arbeit mit KI passiert im Grunde genau dasselbe.
Wer einen störenden Ast entfernt, macht immer noch ein Foto. Wer dagegen hinter einen realen Baum eine komplette Berglandschaft setzt, erschafft etwas Neues: eine fotografische Arbeit, entstanden mit KI und digitaler Bildbearbeitung. Ob man das als reine Fotografie bezeichnet, ist eine Nebensache.
Diese Unterscheidung ist keine Frage von Qualität. Wenn jemand behauptet, ein solches Bild sei weniger wert als die reine Aufnahme, frage ich nach dem Grund. Ein Bild wird nicht dadurch besser, dass seine Herstellung besonders schwierig war. Natürlich erfordert eine Landschaftsaufnahme unter extremen Bedingungen eine große Leistung. Auch der Aufbau eines aufwendigen Sets ist anspruchsvoll. Darauf folgt aber nicht, dass ein Bild auf einem anderen Entstehungsweg weniger Wert besitzt.
Gerade bei körperlichen oder materiellen Einschränkungen wird diese Frage wichtig. Wer einen Berg nicht besteigen kann, darf trotzdem eine Bildidee von diesem Berg haben. Wer keine schwere Ausrüstung trägt, hat keine weniger interessanten Ideen. Wer kein Budget für ein aufwendiges Set hat, besitzt trotzdem Gestaltungskraft. Die Technik schafft hier neue Zugänge. Sie ist keine Abkürzung, die eine fotografische Leistung entwertet. Es ist eine andere Art, eine Bildidee umzusetzen. Dabei verändert sich die Rolle des Fotografen.
Wer ein Bild vollständig von einer KI erzeugen lässt, arbeitet anders als jemand, der ein eigenes Foto bearbeitet.
Bei meinem Beispiel beginnt die Arbeit mit der eigenen Aufnahme. Ich habe den Ort ausgesucht, den Baum gesehen, den Ausschnitt bestimmt und den Auslöser gedrückt. Erst danach folgt die Überlegung, was sich aus diesem Bild entwickeln lässt. Die KI übernimmt einen Teil der Umsetzung, aber die Entscheidung über das Ergebnis bleibt bei mir.
Wenn technisch immer mehr möglich wird, gewinnt die eigene Vorstellung an Bedeutung. Früher verwirft man eine Idee, weil die praktische Umsetzung fehlt. Heute stellt sich die Frage: Wie würde dieses Bild aussehen? Das verändert den Blick auf die Fotografie.
Man sieht eine Landschaft und denkt nicht mehr nur an die technische Aufbereitung vor Ort. Man fragt sich, welche Möglichkeiten in der Aufnahme stecken. Ein Baum bleibt ein Baum, wird aber gleichzeitig zum Ausgangspunkt für unterschiedliche Bildideen. Das verändert den gesamten Prozess.

Der klassische Weg verläuft gewohnt:
Objekt sehen
Auslöser drücken
Bild bearbeiten
Ergebnis sichern

Eine andere Arbeitsweise setzt an einem anderen Punkt an:
Idee entwickeln
Ausgangsmotiv fotografieren
KI als Werkzeug nutzen
Vorstellungswelt sichtbar machen

Das reale Foto wird so zur Skizze auf der Leinwand. Es liefert die Grundstruktur, die Proportionen und den realen Kern. Die spätere Bearbeitung entspricht dem Pinselstrich des Malers, der die Form mit der eigenen Vorstellung ausfüllt.
Das Foto dient hier als Ausgangsmaterial. Dieser Gedanke verschiebt die eigenen Grenzen. Die Kamera nimmt nur das auf, was sich im Moment vor ihr befindet. Die eigene Vorstellung ist an diesen Moment nicht gebunden. Ein anderer Himmel, eine andere Jahreszeit, ein anderes Wetter oder ein neuer Hintergrund werden möglich.
Dadurch entsteht ein neues Verhältnis zur Realität. Das fertige Bild behauptet nicht: So hat es dort ausgesehen. Es zeigt stattdessen: So habe ich mir diese Landschaft vorgestellt. Das ist der entscheidende Unterschied.
Wenn die Bildidee nicht mehr an den Möglichkeiten der Kamera endet, erweitert sich der kreative Spielraum. Ideen fallen nicht mehr weg, nur weil sie unter realen Bedingungen unmöglich scheinen.
Eine Grenze bleibt jedoch bestehen: Die Technik liefert keine fertige Bildidee. Sie zeigt Wege auf, nimmt aber keine Entscheidungen ab. Je mehr Möglichkeiten entstehen, desto wichtiger wird die Frage nach dem eigenen Ziel.

Was soll dieses Bild ausdrücken?
Warum soll der Himmel so aussehen?
Warum steht der Baum an genau diesem Ort?
Wozu dienen Berge, Sturm oder Schnee?

Fehlen die Antworten auf diese Fragen, verkommt die Bearbeitung zur reinen Ansammlung von Effekten. Steht dagegen eine konkrete Vorstellung dahinter, macht die Technik Unsichtbares sichtbar.

Fazit

Bei meinem Baumfoto begann alles mit einer realen Landschaft. Daraus entstand eine Reihe verschiedener Varianten derselben Szene. Keine davon existierte so vor der Kamera, aber alle existierten in meiner Vorstellung.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob das Ergebnis noch als „echte“ Fotografie gilt. Die wichtigere Frage lautet: Hilft die Bearbeitung eines realen Fotos dabei, eine Bildvorstellung sichtbar zu machen, die mit klassischen Mitteln unerreichbar geblieben wäre?
Wer diese Frage mit Ja beantwortet, erweitert sein Verständnis von Fotografie. Die Kamera bildet dann nicht mehr das Ende der Bildidee, sondern ihren Anfang.

 

Your email will not be published. Name and Email fields are required

Ich freue mich über Kommentare zu meinen Bildern und Beiträgen. Bitte beachte, dass alle Kommentare vor der Veröffentlichung von mir geprüft und freigeschaltet werden, damit die Seite frei von Spam bleibt.