Wenn Licht das Motiv entstehen lässt

Lichtmalerei Schale mit Äpfeln
Lichtmalerei Schale mit Äpfeln

Die Dunkelheit wird zum schwarzen Hintergrund

Bei einer besonders interessanten Form der Lichtmalerei bleibt die Lichtquelle selbst unsichtbar. Stattdessen wird ein Objekt in völliger Dunkelheit gezielt mit einer kleinen Lichtquelle ausgeleuchtet. Punkt für Punkt, Fläche für Fläche. Die Kamera zeichnet während einer langen Belichtung nur das Licht auf, das auf das Motiv fällt. So entsteht das Bild buchstäblich während der Aufnahme.
Die wichtigste Voraussetzung ist vollständige oder nahezu vollständige Dunkelheit. Je weniger vorhandenes Licht vorhanden ist, desto besser lässt sich die Beleuchtung kontrollieren.Das Motiv steht zunächst scheinbar unsichtbar vor der Kamera. Die Kamera arbeitet mit einer langen Belichtungszeit. Während dieser Zeit bewegt sich der Fotograf mit einer Taschenlampe um das Objekt und beleuchtet gezielt einzelne Bereiche. Die Taschenlampe zeigt dabei nicht in Richtung Kamera. Sie dient ausschließlich dazu, das Motiv punktuell oder flächig zu beleuchten. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Form der Belichtung. Bereiche, die Licht erhalten, werden sichtbar. Bereiche, die nicht beleuchtet werden, bleiben dunkel.

Das Bild entsteht durch Bewegung

Die Kamera nimmt während der gesamten Belichtungszeit auf. Der Fotograf kann deshalb innerhalb einer einzigen Aufnahme unterschiedliche Bereiche des Motivs nacheinander beleuchten. Zuerst vielleicht die Vorderseite. Danach eine Seitenfläche. Anschließend Details im Hintergrund. Auch die Umgebung kann einbezogen werden. Dabei muss nicht jeder Bereich gleich stark beleuchtet werden. Eine Fläche kann nur kurz angestrahlt werden und dadurch dunkel erscheinen. Eine andere kann länger oder aus kürzerer Entfernung beleuchtet werden und dadurch deutlich heller werden. Die Belichtung wird damit zu einem gestalterischen Werkzeug.

Eine Taschenlampe wird zum Pinsel

Entscheidend ist weniger die Leistung der Lichtquelle als ihre Kontrolle. Eine kleine LED Taschenlampe eignet sich besonders gut. Mit einem engen Lichtkegel lassen sich einzelne Details gezielt hervorheben. Eine diffusere Lichtquelle erzeugt dagegen weichere Übergänge. Auch die Richtung des Lichtes verändert das Ergebnis erheblich. Frontal beleuchtete Flächen wirken eher flach. Seitliches Licht betont Strukturen und Oberflächen. Licht von hinten kann Konturen hervorheben. Der Fotograf entscheidet während der Belichtung also ständig, wo Licht entstehen soll und wo nicht. Das erinnert tatsächlich an das Malen mit einem Pinsel. Nur besteht der Pinsel hier aus einem Lichtkegel und die Belichtung ersetzt die Farbe.

Auch die Umgebung lässt sich einbeziehen

Die Technik funktioniert nicht nur bei einzelnen Gegenständen. Ein Objekt kann beispielsweise in einer dunklen Landschaft stehen. Zunächst wird das Objekt aus kurzer Entfernung beleuchtet. Anschließend können Bäume, Felsen, Mauern oder andere Elemente der Umgebung mit deutlich schwächerem Licht sichtbar gemacht werden. So entsteht eine Szene, die bei normaler Beleuchtung möglicherweise völlig anders aussehen würde.
Besonders interessant ist dabei die Möglichkeit, unterschiedliche Helligkeiten innerhalb einer einzigen Aufnahme zu erzeugen. Das Hauptmotiv kann deutlich heller erscheinen als die Umgebung. Gleichzeitig bleiben Teile der Umgebung vollständig im Schwarz verborgen.

Die Belichtungszeit ist nur ein Teil der Steuerung

Eine lange Belichtungszeit allein erzeugt noch kein gutes Ergebnis. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Blende, ISO, Entfernung zur Lichtquelle, Beleuchtungsdauer und Beleuchtungsrichtung. Eine niedrige ISO Einstellung sorgt für geringe Bildstörungen und einen hohen Dynamikumfang. Eine eher geschlossene Blende erhöht die Schärfentiefe und reduziert gleichzeitig die Lichtmenge. Die lange Belichtungszeit gibt dem Fotografen genügend Zeit, das Motiv systematisch auszuleuchten. Dabei sollte man nicht versuchen, alles in einem Durchgang perfekt zu treffen. Gerade bei komplexeren Motiven sind mehrere Versuche notwendig.

Ein einfacher Einstieg

Für erste Versuche reicht eine Kamera auf einem stabilen Stativ, ein Objekt, eine Taschenlampe und ein vollständig dunkler Raum. Die Kamera wird manuell eingestellt. Autofokus und automatische Belichtung bleiben ausgeschaltet. Zunächst kann man beispielsweise mit ISO 100, Blende 8 und einer Belichtungszeit von 30 Sekunden beginnen. Nach dem Start der Belichtung wird das Motiv mit der Taschenlampe systematisch abgesucht. Dabei sollte die Lichtquelle ständig bewegt werden. Verweilt sie zu lange auf einer Stelle, kann dieser Bereich schnell überbelichtet werden. Bei größeren Motiven kann die Belichtungszeit auf mehrere Minuten verlängert werden.

Der Fotograf muss selbst unsichtbar bleiben

Ein wichtiger Punkt ist die Position des Fotografen. Wer während der Belichtung zwischen Lichtquelle und Kamera steht, kann als dunkle Silhouette oder durch reflektiertes Licht sichtbar werden. Deshalb sollte man sich möglichst hinter oder seitlich vom Motiv bewegen.
Auch die Taschenlampe darf nicht direkt in die Kamera leuchten. Schon ein kurzer Lichtstrahl kann einen deutlichen hellen Fleck oder Streulicht im Bild erzeugen. Dunkle Kleidung hilft zusätzlich dabei, unerwünschte Reflexionen zu vermeiden.

Der große Vorteil: vollständige Kontrolle

Bei normalem Licht ist die Szene durch die vorhandene Beleuchtung vorgegeben. Bei dieser Form der Lichtmalerei wird die Beleuchtung dagegen während der Aufnahme konstruiert. Du bestimmst selbst, welche Bereiche sichtbar werden. Ein Gegenstand kann dadurch völlig anders erscheinen als bei Tageslicht. Die Vorderseite kann hell sein, eine Seitenfläche fast schwarz. Ein kleiner Bereich kann gezielt hervorgehoben werden, während störende Elemente in der Dunkelheit verschwinden. Damit wird die Aufnahme weniger zu einer klassischen Dokumentation des Motivs. Sie wird zu einer gezielt aufgebauten Lichtkomposition.

Mehrere Lichtquellen sind möglich

Obwohl eine einzelne Taschenlampe für den Einstieg völlig ausreicht, kann man später mit verschiedenen Lichtquellen experimentieren.
Eine warme LED kann eine andere Farbstimmung erzeugen als eine kaltweiße Lichtquelle. Farbfolien ermöglichen zusätzliche Effekte. Unterschiedliche Lichtkegel können für unterschiedliche Aufgaben verwendet werden. Auch die Lichtquelle selbst muss nicht immer eine Taschenlampe sein. Kleine LED Leuchten, Stirnlampen oder selbstgebaute Lichtquellen lassen sich ebenfalls einsetzen. Wichtig bleibt die Kontrolle über Richtung, Intensität und Dauer der Beleuchtung.

Eine besondere Form der Fotografie

Diese Art der Lichtmalerei verbindet Langzeitbelichtung, Lichtsetzung und fotografische Gestaltung auf ungewöhnliche Weise. Das fertige Bild entsteht nicht einfach durch die vorhandene Beleuchtung. Es entsteht aus vielen einzelnen Entscheidungen während der Belichtung. Du kannst ein Motiv aus der Dunkelheit herausarbeiten, einzelne Details betonen und die Umgebung gezielt in die Bildgestaltung einbeziehen. Gerade weil die Lichtquelle so klein und einfach sein kann, bietet diese Technik sehr viele Möglichkeiten. Eine Taschenlampe reicht aus, um aus einem scheinbar unsichtbaren Motiv Schritt für Schritt ein fertiges fotografisches Bild entstehen zu lassen.

Comments are closed.