Von Duchamps Urinal zur Fotografie

Gibt es Readymades im Bild?

Als Marcel Duchamp 1917 ein Urinal signierte und als Kunstwerk präsentierte, stellte er die Kunstwelt auf den Kopf. Nicht die Form oder das Handwerk machten das Werk aus, sondern die Idee und der Kontext. Die Frage: Gibt es Entsprechungen dazu in der Fotografie? Die Antwort lautet: Ja – und zwar in überraschend vielen Richtungen.


1. Found Photography – das gefundene Bild

Fotografien, die nicht vom Künstler selbst gemacht, sondern gefunden wurden, sind das direkte Gegenstück zu Duchamps Readymades.

  • Hans-Peter Feldmann: nutzt seit den 1970ern Alltagsbilder aus Alben, Postkarten oder Zeitungen. Durch Auswahl und Präsentation werden sie Kunst.
  • Richard Prince: berühmt für seine Re-Photographs von Marlboro-Werbung – banale Werbefotos, neu kontextualisiert.

Hier ist das Entscheidende nicht das Drücken des Auslösers, sondern die Geste der Aneignung.


2. Appropriation Art – Kunst aus Kopie

Manche Künstler fotografieren vorhandene Bilder einfach ab – und machen daraus ein eigenes Werk.

  • Sherrie Levine, After Walker Evans (1981): Sie fotografierte Evans’ berühmte Depressionsbilder ab. Ihr Werk fragt: Wem „gehört“ ein Bild? Ist Kunst das Original oder die Idee dahinter?

Wie bei Duchamp: Die Provokation liegt weniger im Objekt als in der Behauptung.


3. Banalität als Thema

Viele Fotografen richten die Kamera bewusst auf das Alltägliche.

  • Ed Ruscha, Twentysix Gasoline Stations (1963): nüchterne Fotos von Tankstellen, die durch die serielle Präsentation zur Kunst werden.
  • William Eggleston und Stephen Shore: machten das Banale zum Ikonischen – Supermärkte, Parkplätze, Straßenränder.

Ähnlich wie Duchamps Urinal: Dinge, die niemand für „würdig“ hielt, werden in die Kunst überführt.


4. Konzeptfotografie

Nicht das Einzelbild zählt, sondern die Idee dahinter.

  • Bernd und Hilla Becher: Serien von Wassertürmen, Industriebauten – nüchterne Dokumentation, aber als Serie im Kunstkontext revolutionär.
  • Andreas Gursky: Börsenräume, Supermarktregale, Menschenmengen. Alltägliche Motive, die durch Maßstab und Präsentation monumentalisiert werden.

Hier wird klar: Fotografie ist nicht nur Abbild, sondern auch Rahmung, Konzept, Setzung.


5. Das Foto als Readymade selbst

Man könnte sagen: Jede Fotografie ist ein Readymade.

  • Die Kamera selbst ist eine Maschine, die Wirklichkeit „abschneidet“.
  • Der Fotograf sagt: Dieser Ausschnitt der Welt ist Bild.
  • In diesem Moment wird etwas Banales (eine Straßenecke, ein Schatten, ein Gesicht im Vorübergehen) durch Auswahl zum Werk.

So gesehen hat Duchamps Gedanke in der Fotografie eine natürliche Heimat gefunden.


Fazit

Die Parallelen sind klar:

  • Urinal → Tankstelle (Ruscha)
  • Readymade → Found Photography (Feldmann, Prince)
  • Deklaration als Kunstakt → Appropriation (Levine)

Duchamp hat gezeigt, dass Kunst nicht allein in der Herstellung steckt, sondern im Blick, im Kontext und in der Idee. Genau das ist auch das Wesen vieler fotografischer Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts.


Weiterführende Namen & Werke

  • Marcel Duchamp: Fountain (1917)
  • Hans-Peter Feldmann: Alltagsfotografie-Serien (ab 1970)
  • Richard Prince: Cowboys (1980er)
  • Sherrie Levine: After Walker Evans (1981)
  • Ed Ruscha: Twentysix Gasoline Stations (1963)
  • William Eggleston: Guide (1976)
  • Bernd & Hilla Becher: Typologien (ab 1960er)

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